29. April 2015

Grimme Online Award 2015: 25 Nominierte in Köln vorgestellt

25 herausragende Webangebote sind für den Grimme Online Award

2015 nominiert, zu dem fast 1.400 Angebote eingereicht wurden – viele von

hoher Qualität. Die Finalisten in den Kategorien Information, Wissen und

Bildung, Kultur und Unterhaltung sowie Spezial stehen damit fest und wurden

am heutigen Tag an der Universität zu Köln bekanntgegeben.

 

„Die Vielfalt der eingereichten Formate und die hohe Qualität der

Nominierten zeichnen das Preisjahr 2015 aus. Die Professionalität im Netz

ist beachtlich. Ein besonders breites Spektrum alternativer Anbieter zeigt

deren Kreativität und Innovationskraft, dies gilt auch für die Entwicklung

von Finanzierungskonzepten“, resümiert die Grimme-Direktorin Dr. Frauke

Gerlach.

 

So erfolgte die Anschubfinanzierung für das multimediale Informationsportal

„Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“ über ein Stipendium. Mit

Crowdfunding finanzierte sich das experimentelle Wissenschaftsmagazin

„Substanz“, das jetzt mit einem Abo-Modell arbeitet. Stiftungsfinanziert ist

das unabhängige Recherchebüro „Correctiv“, welches gleich dreimal unter den

Nominierten vertreten ist: Das Recherchebüro selbst ist in der Kategorie

Spezial nominiert, auch weil die Recherchen kostenfrei anderen Medien zur

Weiterverarbeitung zur Verfügung stehen. In der Kategorie Information ist

die aufwändige Vor-Ort-Recherche „MH17 – Die Suche nach der Wahrheit“

nominiert und am Informationsfreiheitsportal „FragDenStaat.de“ ist Correctiv

ebenfalls beteiligt.

 

Doch auch die Verlagshäuser scheinen jetzt das Internet (wieder) zu

entdecken, insbesondere für die große Erzählung: „Die lange Form, viele

Jahre lang das Stiefkind der deutschsprachigen Online-Publizistik, ist

endgültig angekommen und etabliert“, konstatiert die Nominierungskommission.

Ein prominenter Vertreter der nominierten Verlagsangebote ist „Mein Vater,

ein Werwolf“, ein Meisterstück des digitalen Storytelling, in dem

Spiegel-Reporter Cordt Schnibben die Nazi-Vergangenheit seines Vaters und

die Verleugnungsstrategien der Eltern aufarbeitet. Ein weiteres

beeindruckendes Angebot kommt von Zeit Online. „Wer darf leben?“ setzt sich

mit der Pränataldiagnostik auseinander – und ist parallel in leichter

Sprache erschienen. Die Wiederbelebung eines alten Formats ist der

persönliche Newsletter „Checkpoint“ von Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz

Maroldt. Jeden Morgen liefert er aktuelle Informationen aus und über Berlin

und bissige Kommentare direkt in den Maileingang.

 

Neben Verlagen setzen auch Fernsehsender erneut Akzente im Netz. So ist der

deutsch-französische Kulturkanal ARTE auch dieses Jahr mit zwei sehr

unterschiedlichen Formaten im Rennen um die Preise: Die Dokumentation „Polar

Sea 360°“ ermöglicht eine Reise in die Arktis mit selbst gesteuertem

Rundumblick, und bei „Refugees – 4 Monate, 4 Camps“ kann der Nutzer virtuell

in Flüchtlingscamps reisen und eigene Reportagen erstellen. Mit der

Flüchtlingsthematik beschäftigt sich auch das SWR-Angebot „Jeder Sechste ein

Flüchtling“. Die Multimedia-Reportage berichtet in einer Langzeitbeobachtung

über das Zusammenleben von Flüchtlingen und Bewohnern von Meßstetten, einer

Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb.

 

Abgesehen von der Flüchtlingsthematik war die Nominierungskommission jedoch

überrascht vom Mangel an Aktualität in den Einreichungen: „Die meisten

großen und relevanten politischen Reizthemen (Überwachung/Bürgerrechte,

Freihandel/TTIP, zunehmende Arm/Reich-Schere …) fanden auch diesmal so gut

wie gar nicht statt. Das empfinden wir als etwas beunruhigend.” Nach

Präsentation und Recherche sollten sich die Anbieter noch einmal gründlicher

mit der Themenfindung beschäftigen, rät die Nominierungskommission.

 

Die technische Entwicklung hingegen ist inzwischen so weit fortgeschritten,

dass sie es auch unabhängigen Anbietern erlaubt, aufwändige Webreportagen zu

erstellen – wie das nominierte Angebot „Auferstanden als Ruine“ über Haiti

fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben zeigt. Doch es gibt nach wie vor

auch völlig andere Formate. Die „Floskelwolke“ ist dafür beispielhaft.

Täglich werden hier hunderte Webseiten nach Floskeln und Phrasen durchsucht

und zu einem Ranking zusammengestellt. Die zwei Journalisten, die es

betreiben, möchten ihr Angebot durchaus als Hilfe und Warnung für ihren

eigenen Berufsstand verstanden wissen. Ebenso gibt es immer wieder

Social-Media-Angebote, die der Nominierungskommission besonders auffallen.

In diesem Jahr war dies der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der als

„Astro-Alex“ die Nutzer vor allem per Twitter an seinen Erlebnissen auf der

Internationalen Raumstation ISS teilhaben ließ.

 

Auch der Webvideobereich ist in diesem Jahr wieder unter den nominierten

Angeboten vertreten. Dazu zählt beispielsweise der YouTube-Kanal „Hyperbole

TV“, der Teil eines Forschungsprojekts an der Leuphana Universität Lüneburg

ist. Dieser Kanal war auch Thema eines Seminars an der Universität zu Köln

im Vorfeld der Bekanntgabe der Nominierungen, ebenso wie das Digitorial zur

Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ am Städel Museum

Frankfurt. Im Rahmen des dreitägigen Blockseminars setzten sich Studierende

anhand der nominierten Angebote mit Fragen rund um den Grimme Online Award

auseinander.

„Der Workshop und die Veranstaltung heute veranschaulichen, wie

Medienqualität im Rahmen des ‚Grimme-Forschungskolleg Medien und

Gesellschaft im digitalen Zeitalter’ thematisiert werden kann – ein schöner

inhaltlicher Auftakt“, so Prof. Dr. Claudia Loebbecke, die zum Juni die

wissenschaftliche Leitung des Grimme-Forschungskollegs übernehmen wird. Das

Grimme-Forschungskolleg wird sich als gemeinsame Institution der Universität

zu Köln und des Grimme-Instituts aktuellen Fragen digitaler

Kommunikationskulturen und der Rolle der Medien in gesellschaftlichen

Transformationsprozessen widmen.

 

Aus den insgesamt 25 Nominierungen zum Grimme Online Award, die in der

Übersicht anbei aufgelistet sind, wird die Jury nun bis zu acht Preisträger

ermitteln. Auch das Publikum kann über einen Preis entscheiden: Bis

einschließlich 11. Juni kann jeder Internetnutzer auf der Website von TV

Spielfilm unter www.tvspielfilm.de/grimme für den Publikumspreis abstimmen

und an der Verlosung zweier hochwertiger 8 Zoll Tablet-Computer Cat Helix

teilnehmen. Die Programmzeitschrift TV Spielfilm ist bereits im elften Jahr

Medienpartner des Grimme Online Award. Sie stellt wie in den Vorjahren die

Voting-Plattform für den Publikumspreis zur Verfügung und begleitet den

Wettbewerb publizistisch.

 

Auch andere Partner unterstützen 2015 den Grimme Online Award. Für die

finanzielle Basis des Preises sorgt die Unterstützung des Landes

Nordrhein-Westfalen, ein weiterer Beitrag kommt von der Stadt Köln. Der

TV-Produzent UFA SHOW & FACTUAL übernimmt die professionelle Produktion der

Einspielfilme für die Preisverleihung, die Daimler AG sorgt mit

Mercedes-Benz Limousinen für den komfortablen VIP-Fahrservice bei der

Preisverleihung. Die Videoproduktion und der Livestream der Preisverleihung

kommen von Quadia, einem Anbieter von Online-Video-Lösungen. Das

Düsseldorfer Studio für Gestaltung, Pre-Press und Digitale Medien, Digibox,

langjähriger Partner des Grimme Online Award, gestaltet erneut die

Preispublikation.

 

Die Preisverleihung findet am 18. Juni 2015 im DOCK.ONE in Köln statt. An

diesem Abend wird neben dem Grimme Online Award auch der „klicksafe Preis

für Sicherheit im Internet“ vergeben. Er hat das Ziel, solche Angebote und

Projekte zu prämieren, die in vorbildlicher Weise einen sicheren Umgang im

und mit dem Internet fördern.

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