25. September 2015

Fachkräftemangel eine Mär?

Prof. Dr. Vieregge im Gespräch

Herr Prof. Dr. Vieregge, ist die Klage vom Fachkräftemangel in der Industrie eine reine Erfindung?
Wenn man die Internetkommunikation als Arbeitgeber zugrunde legt, dann kann man zu diesem Ergebnis kommen. Von den 5.000 Industrienternehmen in unserer Region sind 90 % quasi nicht sichtbar. Wenn man also nicht direkt nach dem Firmennamen sucht, sondern nach freien Stellen in bestimmten Berufsbildern, dann wird der Kandidat nicht fündig.

Das heißt doch, dass dieser Mangel an Fachkräften gar nicht so gravierend sein kann?
Nein. Leider nicht. Es heißt eher, dass die Firmen das Internet als zentralen Kommunikationskanal zu Schülern und Fachkräften noch nicht nutzen. Fast in allen Firmen sinkt gleichzeitig die Qualität der Bewerber, Stellen bleiben zunehmend unbesetzt, mehr Schüler studieren und stehen dem Ausbildungsmarkt nicht zur Verfügung.

Wie kann das sein, dass 25 Jahre nach Einführung des world wide web dieses Defizit in den Unternehmen besteht?
Wir haben ja ausschließlich B2B-Unternehmen in der Stichprobe. Diese sind in ihrem Segment in der Regel sehr erfolgreich, sie haben eine kleine feste Stammkundschaft. Marketing und aktiver Vertrieb spielen keine große Rolle, die Kommunikationspunkte mit den Kunden sind seit Jahrzehnten bekannt. Es fehlt somit eine wichtige Erfahrung der B2C-Unternehmen, die sich an Konsumenten richten. Es gibt Industrie-Webseiten, da kommt das Thema Personal gar nicht vor.

Was können Sie Personalern in dieser Situation empfehlen?

  1. Sich in der Geschäftsführung Gehör zu verschaffen. Das ist eine Topaufgabe.
  2. Es sollten mindestens drei Dinge vorhanden sein: eine Karriereseite, die beschreibt, warum man in dem Unternehmen arbeiten sollte. Eine Stellenseite, auf der aktuelle Stellen ausgeschrieben werden.
  3. Außerdem sollte es eine Möglichkeit zur Initiativbewerbung geben. Vielen ist nicht bewusst, dass man die eigene Wettbewerbsposition im Web messen kann. Bei dieser Bestandsaufnahme können wir helfen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Jedes Unternehmen kann seine Daten kostenlos beim eBusiness-Lotsen abrufen.

Bitte? Das sollte doch mittlerweile Standard sein?
Leider nicht. Die meisten Manager sind erstaunt, was man da alles rausholen kann, wenn man es ihnen zeigt. Oftmals fehlt ein grundsätzliches Verständnis über die Kommunikationssituation. So meinte kürzlich ein Geschäftsführer, er verstehe diese mangelhafte Internetsichtbarkeit nicht. Er habe kein Problem, sein Unternehmen im Netz zu finden. Er meinte damit, wenn man seinen Firmennamen und den Ort eingibt, dann findet man ihn auch. Es war ihm nicht klar, dass Neukunden und Neu-Bewerber das Unternehmen ja nicht kennen können.

Da scheint ja noch eine Menge Informations- und Beratungsbedarf zu sein?
Der eBusiness-Lotse in Hagen hat da eine Menge in der Region bewirkt. Allerdings muss man auch sehen, dass viele Informationssysteme zu komplex für das Management sind. Wir haben daher einfache Benachrichtigungssysteme entwickelt, wo der Entscheider täglich oder wöchentlich Auswertungen zu Neukunden, Technologiefeldern, Mitbewerbern oder auch möglichen Mitarbeitern bekommt. Das muss alles einfach und zuverlässig sein.
Zur Person:
Peter Vieregge ist Gründer und Leiter des Forschungsinstituts für Regional- und Wissensmanagement an der Unternehmerhochschule BiTS in Iserlohn. Ein Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt sind Markt-Monitoring-Systeme für Unternehmen. Für das Bundeswirtschaftsministerium und regionale Cluster, Innovationsnetzwerke und Wirtschaftsförderungsgesellschaften hat er zahlreiche Lösungen für das Wissensmanagement entwickelt. Überregionales Aufsehen erregte seine Studie zur mangelhaften Internetsichtbarkeit des Verarbeitenden Gewerbes in Südwestfalen. Seine aktuellen Studien finden Sie hier auf der Webseite.